Freitag, 24. Februar 2017


Assoziationen zur Frage: Ist das Kunst?



1.
Man möchte meinen, dies sei eine Frage des Geschmacks. Aber weit gefehlt: Es ist schlicht eine unsinnige Frage.

Die eigentliche Frage hinter der Frage, ob ein Werk Kunst ist, lautet: Was ist Kunst? Denn nur wenn diese Frage hinreichend beantwortet werden kann, wäre eine Zuschreibung eines einzelnen Werkes als ‚Kunst’ überhaupt denkbar. Die Bedingung der Möglichkeit der Beantwortbarkeit dieser Frage ist jedoch die Annahme der wie auch immer gearteten Existenz einer abstrakten Idee: dem Wesen einer Sache.

Dieses Wesen ist ein sehr praktikables, jedoch rein gedankliches Konstrukt, bei dem wir gewisse allgemeinverbindliche Merkmale imaginieren, um etwas als etwas benennen zu können. In unserem Falle: als ‚Kunst’. Versucht man nun aber ihr Wesen zu benennen, an dem ein Werk in irgendeiner Form teilhat und es, so geadelt, als ‚Kunst’ bezeichnet werden kann, dann wird es diffus.

Dass dem so ist, liegt nicht an der Kunst. Das Problem ist prinzipieller Natur. Denn schon der vermeintlich einfachere Versuch, das Wesen eines Stuhls zu beschreiben, ist zum Scheitern verurteilt: Welche Eigenschaften kennzeichnen einen Stuhl unzweifelhaft, eineindeutig, für alle Ewigkeit, in allen sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten als ‚Stuhl’? Mir ist nicht eine bekannt.

Aber selbst wenn diese Frage wider Erwarten beantwortet werden könnte – bereits die Art der Fragestellung, das wissen wir seit Ludwig Wittgenstein, ist grundsätzlich unangemessen: Die Frage „Was ist Kunst? hypostasiert unterschwellig. So kann man nur nach einem Gegenstand fragen, der zumindest potentiell über ein real existierendes Referenzobjekt verfügt – also zum Beispiel der Stuhl, auf dem ich gerade sitze – nicht aber nach einer gedanklichen Abstraktion, einer Universalie, der keine physische Entität entspricht. Wie es eben bei der ‚Kunst’ der Fall ist. Angemessener wäre da eher die Frage: Was verstehen wir unter ‚Kunst’?

Darauf gibt es nun aber keine allgemeinverbindliche, für alle Zeit gültige Antwort. Es gibt nicht einmal eine für den gegebenen Moment eineindeutige Bedeutung des Wortes, also eine verbindliche Gebrauchsweise dieses Wortes in einem bestimmten Sprachspiel innerhalb einer bestimmten Gesellschaft. Dessen ungeachtet gehen aber alle Beteiligten stillschweigend von einer ausreichenden Schnittmenge der Gebrauchsweisen, sprich: Bedeutungen, und damit auch analog von einem entsprechend gemeinsamen Grundverständnis aus. So auch bei dem Wort ‚Kunst’.

Jede Epoche hat ein anderes Verständnis von ‚Kunst’. Ebenso jede Kultur und Gesellschaft. Wie im Zweifelsfalle auch jede ihrer sozialen Gruppen. Oder womöglich jeder Angehöriger einer solchen Gruppe. Denn jeder ist etwas anders sozialisiert, war etwas anderen Einflüssen ausgesetzt. Bei denen individuell andere familiäre, geschlechtliche, ethnische, ethische, religiöse, psychologische Aspekte in je individueller Ausprägung eine Rolle spielen. Darüber hinaus gehört womöglich jeder zur gleichen Zeit verschiedenen Gruppen an, in denen wiederum verschiedene Einstellungen vorherrschen. Die aber nicht zwingend konstant bleiben müssen – was heute gilt, kann in ihnen morgen schon wieder ganz anders aufgefasst werden.

Die Frage „Was verstehen wir unter 'Kunst'?“ könnte also bestenfalls auf eine im Max Weber’schen Sinne idealtypische Begriffsdefinition hinauslaufen, bei der wir immer im Hinterkopf behalten müssen, dass sie nie einen ‚Ist’-Zustand, sondern immer nur einen hypothetischen Zustand beschreibt.



2.
Individuelle Handlungen können wertneutral sein. Aber auch sehr tugendhaft. Oder moralisch verwerflich. Sie können Folgen haben, die von den Handelnden beabsichtigt sind. Andere wiederum sind unbeabsichtigt und nicht vorhersehbar. Manche sind vielleicht vorsehbar, aber dennoch unbeabsichtigt. Tugendhafte Intentionen können furchtbare Konsequenzen, moralische verwerfliche hingegen fruchtbare Auswirkungen haben. Ein Phänomen, das als Mandeville’sches Paradox bekannt ist; Robert K. Merton hat es weiter ausgeführt und als 'Gesetz der unbeabsichtigten Folgen' in der modernen Soziologie etabliert.

Kommt es nun zu einer Vielzahl ähnlicher individueller Handlungen, gleichwelcher Couleur, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit dramatisch, dass es zu von den jeweils Handelnden unbeabsichtigten Folgen kommt. Sprechakte sind solche individuelle Handlungen, die, täglich millionenfach ablaufend, „Phänomene der dritten Art“ zeitigen, wie sie der Sprachwissenschaftler Rudi Keller nennt: Sie sind die nicht-intendierte „kausale Konsequenz einer Vielzahl individueller intentionaler Handlungen, die mindestens partiell ähnlichen Intentionen dienen.“ 

Der Sprachwandel ist, so Keller, ein solches Phänomen. Es wird „durch Handlungen der Individuen hervorgebracht (...), ohne von diesen intendiert zu sein“. Damit ist der Sprachwandel das Ergebnis menschlichen Handelns, nicht aber das der Durchführung eines menschlichen Plans. Mithin also das kollektive Resultat individueller Handlungen.

Keller erläutert dieses Phänomen an einem überaus simplen Beispiel: Wie entsteht ein Trampelpfad? Jemand nimmt von einem Parkplatz aus nicht den Umweg über den Bürgersteig, sondern den direkten Weg über die Wiese hin zu seinem Ziel. Das tut er nur, weil er zu bequem ist, weil er keinen Umweg gehen und schnellstmöglich von A nach B kommen will. So denkt und handelt jeder Einzelne, der den direkten Weg nimmt. Das Resultat der Tausenden, die so denken und handeln, ist – ein Trampelpfad. Niemand hat ihn intendiert, aber alle haben ihn mit ihrer gleichartigen individuellen Intention, schnellstmöglich von A nach B zu kommen, geschaffen. So sieht’s dann aus: Zwar tragen alle einen Teil der Verantwortung, aber niemand ist für das Resultat verantwortlich. Wie immer bei solchen kollektiven Phänomenen der dritten Art.

Dieser Prozess der unsichtbaren Hand, wie ihn Keller in Anlehnung an Adam Smith nennt, hat das Zeug zu weit mehr als nur zu einer Theorie des Sprachwandels: Er hat das Zeug zur Blaupause für alle Phänomene, die kollektive Resultate individueller Handlungen sind – also für kulturelle Phänomene. Denkt man, zum Beispiel, Wittgensteins Diktum von der Bedeutung eines Wortes als sein Gebrauch in der Sprache konsequent weiter, so kann, darauf weist Keller hin, der Bedeutungswandel als kollektive Änderung der Gebrauchsregeln eines Wortes beschrieben werden.

Mehr noch: Der Bedeutungswandel lässt sich in seiner synchronen und diachronen Gesamtheit des tagtäglichen millionenfachen Vollzugs individueller Sprachhandlungen durchaus als kollektive Bedeutungskonstitution begreifen. Denn Wandel ist nur da möglich, wo es etwas zu wandeln gibt. Also Bedeutung. So gesehen sind Bedeutungswandel und Bedeutungskonstitution eins, vereint in einem steten Fluss, der keinen Anfang und, solange es Verwender der Sprache gibt, auch kein Ende kennt.

Bedeutung ist stets fluid, bereits im Moment ihrer Konstitution immer schon wieder im Wandel begriffen. Und das eben im millionenfachen Vollzug unter millionenfach anderen individuellen Bedingungen, Einflüssen und Voraussetzungen. Die Gebrauchsweisen sind somit in allen Verwendungen de facto immer etwas verschieden, es gibt nur einen stillschweigend vorausgesetzten, hypothetischen Bestandszustand einer Bedeutung.

So hypothetisch wie auch die Vorstellung von der Sprache als Korpus. Eine äußerst nützliche Hilfskonstruktion, die uns befähigt, den Gegenstand der Betrachtung systematisch zu erfassen. Aber dennoch ist es nur eine Hilfskonstruktion. Wie auch die Separierung in Grammatik, Syntax und Semantik. Wir trennen da, was nicht zu trennen ist. Sprache als Sprache existiert allein im Gebrauch, den wir von ihr machen. Sie ist nicht unabhängig davon und damit von uns zu denken – sie wird erst durch uns zu dem, was sie ist. Schlafen wir, ist sie nicht. Nirgends. Sie besitzt keinen eigenen Seinszustand, ist kein statisches Gebilde, sondern steter Fluss, millionenfacher Gebrauch, Akt, Handlung, ‚energeia’, wie es W.v.Humboldt nannte.



3.
Wir tragen gemeinsam Verantwortung für die Bedeutung, ohne als Einzelner dafür verantwortlich zu sein. Sie ist das Ergebnis intentionaler menschlicher Handlungen, nicht aber Resultat eines kollektiven menschlichen Plans: Ich will in der alltäglichen Sprechweise auf eine sprachökonomisch angemessene Weise kommunizieren. Deshalb unternehme ich in der Regel nicht den kommunikativ überflüssigen Versuch, geplant und intentional Bedeutung zu konstituieren.

Darüber hinaus legt unsere kontinuierliche individuelle Teilhabe an diesem kollektiven Prozess der Bedeutungskonstitution auch die Konstitution des reziproken Phänomens nahe: das des gemeinsamen Verständnisses der am Sprachspiel Beteiligten, resultierend aus einer präsupponierten ausreichenden Schnittmenge der Gebrauchsweisen, sprich: Bedeutungen. Eine trügerische Hoffnung natürlich. Denn wo bestenfalls eine Schnittmenge, aber keine Übereinstimmung gegeben ist, da ist de facto das Missverständnis unser ständiger Begleiter in der Kommunikation: Es ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Solange wir also nicht auf die verwegene Idee kommen, die Bedeutung eines Wortes wie ‚Kunst’ ein für alle mal per Diktum festlegen zu wollen, können wir auf keine lexikalisch eineindeutig definierte, unumstößliche und für alle verbindliche Bedeutung dieses Wortes rekurrieren. Wir beziehen uns lediglich auf den fluiden sprachlichen Normalfall und verwenden einen schwammigen, von uns in seiner Bedeutung, also seinem Gebrauch in der Sprache, kaum jemals zureichend reflektierten Begriff.

So sind wir gestrickt: Wir neigen dazu, selbst wesentliche Begriffe und ihre Bedeutung nicht groß in Frage zu stellen, sondern ihren Gebrauch lax zu perpetuieren. Wenn wir aber nicht die Bedeutungen reflektieren, also die verschiedenen aktualen Gebrauchsweisen der Worte, die eigenen wie die der anderen, so sind wir auch nur bedingt in der Lage, die Bedeutungsdifferenzen der Worte im Gebrauch der verschiedenen Verwender zu erkennen.

Exponentiell dramatischer erscheint dieses Problem, zieht man die diachrone Zeitachse in Betracht, in der sich der Bedeutungswandel eines Wortes wie ‚Kunst’ ereignet, der sich, analog des Sprachwandels, als ungeplantes und unbeabsichtigtes Resultat unserer millionenfachen kollektiven Sprachhandlungen ergibt. Angesichts dessen muss ernsthaft die Frage gestellt werden, worüber wir eigentlich sprechen, wenn wir über ‚Kunst’ sprechen – und was die jeweiligen Teilnehmer des Diskurses meinen, worüber gesprochen wird.

(Nicht dass jetzt der eine oder andere zu früh zustimmend mit dem Kopf nickt: Ähnliches gilt auch für die Diskurse zum Thema ‚Markt’, ‚Staat’, ‚Gesellschaft’, ‚Kirche’ etc. pp.: Wir vergegenständlichen, was nicht gegenständlich ist. Reden so, als wäre die Sprache, der Markt, der Staat, die Gesellschaft oder die Kirche „ein Ding mit ihm innewohnenden Lebenskräften, ein Organismus, wie man im 19. Jahrhundert zu sagen pflegte“ (Keller).)



4.
Im tagtäglichen millionenfachen Vollzug der individuellen Sprachhandlungen haben wir zwar die Absicht, uns mit anderen auszutauschen. Die Konstitution von Bedeutung ist dabei aber ein unbeabsichtigter, ungeplanter und unreflektierter Nebeneffekt der Kommunikation. Nur in Ausnahmefällen versuchen wir geplant und intentional Bedeutung zu konstituieren. Die wissenschaftlichen Begriffsdefinitionen stellen solche Ausnahmefälle dar. Oder auch die Inbesitznahme im politischen Diskurs, wie es derzeit im völkisch-nationalen, xenophobischen und populistischen Kontext geschieht.

Der Prozess der unsichtbaren Hand, in dem wir gemeinschaftlich als nicht-intendierte kausale Konsequenz unserer individuellen Sprachhandlungen die Gesamtheit der aktualen fluiden Bedeutungen der Worte konstituieren, stellt eine aktive und produktive Teilhabe der Menschen an der Sprache, an ihrer Ausgestaltung und ihrem Wandel dar.

Im Gebrauch des Wortes ‚Kunst’  konkretisiert sich diese sprachliche Teilhabe auf exemplarische Weise. Verlasse ich die sprachliche Ebene und werde mit der Kunst nicht als Wort, sondern als Werk konfrontiert, so habe ich nicht mehr nur Teil am Gebrauch des Wortes ‚Kunst’, sondern Teil an der Kunst selber.

Es kommt damit zu einer Teilhabe höherer Ordnung. Teilhabe bedeutet hier aktive, intentionale und individuelle Auseinandersetzung mit dem Werk – KünstlerInnen zwingen den Einzelnen durch ihre inspirierende Nötigung zur Meinungs-Bildung, zur spontanen, selbst verantworteten Stellungnahme. Die positiv ausfallen kann. Oder negativ. Oder entschieden unentschieden. Eine, die Ratlosigkeit dokumentiert. Sprachlosigkeit. Oder auch hymnische Begeisterung.

So gesehen stellt die aktive Teilhabe an der Kunst fast schon so etwas wie ein pädagogischer Auftrag im Geiste Humboldts zur Ausbildung der individuellen Fähigkeiten zum Wohle der Gesellschaft dar. Eine Ausbildung, die dem zunehmend als Belastung empfundenen Zwang zur Eigenverantwortung innerhalb einer fragil gewordenen Gesellschaft etwas von ihren Schrecken zu nehmen vermag: Ich erlerne sie hier spielerisch, abseits des lebensweltlichen Drucks.

Diese in der Teilhabe an der Kunst spielerisch erlernte Eigenverantwortung, eine Grundvoraussetzung für den Bestand einer stabilen, von der Mehrheit der Bevölkerung getragenen Demokratie, stellt die unbeabsichtigte Folge einer gänzlich anderen Intention dar: Sie zielt für gewöhnlich auf die Befriedigung unserer Neugier, Interessen, Vorlieben, auf Freude, Genuss, Zeitvertreib, Weiterbildung. In der Gesamtheit der Teilhabe aller mit künstlerischen Werken Konfrontierten legt nun wiederum die unsichtbare Hand heimlich Hand an. Und es kommt auch hier zu einer kausalen, nicht intendierten „Konsequenz der Vielzahl individueller intentionaler Handlungen, die mindestens partiell ähnlichen Intentionen dienen“:

In einem solch steten synchronen und diachronen Prozess der Inspiration und Rezeption konstituieren sich alle Beteiligten ihre gemeinsame Kultur und kulturellen Werte, ihre gemeinsame Geschichte und Identität, die darum nie konstant, sondern fluide, in ständiger Entwicklung, Erneuerung und Wandlung begriffen sind. Kultur, Werte, Geschichte und Identität stellen sich somit, wie Sprach- oder Bedeutungswandel, auch als von niemandem beabsichtigtes, ungeplantes, kollektives und kausales Resultat individueller Handlungen dar.

Je mehr Menschen an diesem Prozess von Inspiration und Rezeption teilhaben, je reflektierter und intensiver ihre Meinungs-Bildung ist, desto größer ist dessen identitätsstiftende Kraft – eine Kraft, die aus dem Volk kommt: demos kratos.



5.
Da, wo eine Bedeutung gesetzt ist, ist auch eine Sichtweise gesetzt. Sie wäre nicht mehr relativ, sondern absolut. Und wird, wie im wissenschaftlichen Kontext, im Idealfall im Konsens als verbindlich akzeptiert. Schlimmstenfalls wird jedoch ein solcher Gebrauch mit aller Macht von einer autoritären Instanz oktroyiert, zur Regel gemacht. In diesem Moment wird der Gebrauch ideologisch. Da, wo die Sprache ideologisch wird, wird auch die Denkstruktur ideologisch. Die Herrschaft einer einzig gültigen Bedeutung beginnt. Die in den Händen derer liegt, die die Wahrheit für sich und ihre Weltsicht gepachtet haben. Sprache wird statisch, verliert ihre vitale Wandlungsfähigkeit. Alles hat aus einer Perspektive gesagt, gedacht, getan zu werden. Alternative Sichtweisen sind tabu, individuelle Variationen perdu.

Die eigene Wahrheit wird gegen alle Widerstände, Andersdenkende, Fremde verteidigt. Aggressiv bis aufs Blut von religiösen Eiferern, von autoritären und totalitären Herrschern, smart und subtil von den Diktatoren der Funktionalität und Verwertbarkeit, die das Millennium der digitalen Transformation eingeläutet haben. Die intentionalen Handlungen der Menschen werden zu einer massenhaften Intention synchronisiert, gleichgeschaltet, um so unvorhergesehene kausale, nicht intendierte Konsequenzen möglichst auszuschließen. Alles wird zielgerichtet kanalisiert, so dass idealerweise die individuellen Handlungen zu eben den kollektiven Konsequenzen führen, die die Herrschenden intendieren.

In diesem Land spricht man fließend Neusprech. Alles bewegt sich in gleichförmiger Bewegung auf ein mythisch aufgeladenes Ziel hin. Der Einzelne geht auf in der Masse, die keine konkrete individuelle Verantwortung mehr kennt, nur noch die diffuse des Kollektivs. Diese Diffusion der Verantwortung besitzt für den Einzelnen eine erregend enthemmende Kraft: Wo nur noch eine kollektive Verantwortung besteht, braucht sich niemand mehr für irgendetwas verantwortlich zu fühlen – und werden die Taten im Sinne und Interesse des Kollektivs verübt, wird auch niemand zur Verantwortung gezogen. In dieser fatalen Konsequenz ähnelt es der ethischen Konsequenz, die dem Prozess der unsichtbaren Hand inhärent ist: Hier ist es die Verantwortungslosigkeit der Vielen, die ähnlich gerichtete Intentionen verfolgen, dort die der intentional gleichgeschalteten Masse.

Der Mensch in der Masse sieht, völlig unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht, Sozialisation, Intelligenz, Bildungsstand oder Alter, seine „Chance der unbestraften Unmenschlichkeit“ (Günther Anders) gekommen. Und ist geneigt, sie zu nutzen, da er keinerlei Sanktionen zu befürchten hat:

„Die Gewissheit der Straflosigkeit, die mit der Menge zunimmt, und das Bewusstsein einer bedeutenden augenblicklichen Gewalt, bedingt durch die Masse, ermöglicht der Gesamtheit Gefühle und Handlungen, die dem Einzelnen unmöglich sind.“
(Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, 1895)



6.
„Die Bedeutung eines Wortes besteht nur im jeweiligen besonderen Gebrauch.“ So zitiert Harald Weinrich nicht etwa Ludwig Wittgenstein, sondern den französischen Essayisten Paul Valery, der diesen Gedanken seinen Heften, den posthum veröffentlichten ‚Cahiers’, anvertraute.

Eine Reflexion über die Bedeutung eines Wortes, die von diesem Umstand absieht und sich mal auf diesen, mal auf jenen Teilaspekt konzentriert, ist nicht nur legitim – sie ist vielleicht auch die einzige mögliche Weise, sich dem überaus komplexen Phänomen ‚Sprache’ nähern und es wissenschaftlich präzise beschreiben zu können. Jedoch beschreibt sie dabei einen Zustand, der nicht dem des Gegenstands der Betrachtung entspricht – er besitzt, wie gesagt, keinen von uns unabhängigen Seinszustand, ist steter Fluss, millionenfacher Gebrauch, Akt, Handlung, ‚energeia’.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Zeit, die de facto ein gerichtetes Kontinuum, aber kein in messbare Einheiten zerhackter Strang ist. Nur – anders lässt sie sich für uns nicht erfassen. Wie auch das Denken, das seine eigene Conditio sine qua non, notwendige Bedingung der Möglichkeit ist, um über das Denken nachdenken zu können. Der Gegenstand der Betrachtung als seine eigene Voraussetzung. Diesem Circulus vitiosus kann niemand entkommen. Niemals. So dreht man sich bis in alle Ewigkeit im Kreise. Ändern kann der Mensch daran nichts, er kann nur seine grundsätzliche Beschränktheit einsehen. Und sich seinen Teil denken.

Sprache ist sie selbst immer nur im Gebrauch. Und dieser Gebrauch findet faktisch immer in spezifischen Kontexten, konkreten Situationen und Sprachspielen statt. Um zu verstehen, „wie es sich mit seiner Bedeutung verhält, muss man das berücksichtigen“ (Harald Weinrich). Mehr noch: Solche Situationen sind nur willkürliche Ausschnitte. Momentaufnahmen komplexer synchroner und diachroner Lebenswelten, gesellschaftlicher und kultureller Lebenszusammenhänge, die, so der Wissenssoziologe Karl Mannheim, den Menschen unbewusst prägen. Und damit die Struktur unseres Denkens, unsere Erkenntnisfähigkeit und Sprache.

Nun sind aber auch diese Lebenswelten und -zusammenhänge stets fluid, nie statisch. Sie ändern sich je nach unserer Stellung in der Gesellschaft. Ja, in jedem Einzelnen scheinen sie durch die je individuelle Sozialisation immer in einer unverkennbar individuellen Färbung auf. Einzigartig wie ein Fingerabdruck. Diese spezifischen Varianten sind mithin Unikate – und mit ihnen unser Gebrauch der Sprache, unser Erkennen und Denken.

Da nun diese Dreifaltigkeit in jedem von uns eine einzigartig individuelle Prägung aufweist, ist sie notwendig perspektivisch. Und damit relativ. Verabsolutiere ich diese Sichtweise, ideologisiere ich sie, so Karl Mannheim. Ein Vorgang, der alltäglicher nicht gedacht werden kann: Es ist nicht etwa ein isoliertes Phänomen, das nur in der Politik oder Religion aufscheint, sondern auch in den profanen Szenen einer Ehe. Beim Konflikt unter Kollegen. Oder bei der Spieltagsanalyse in der Eckkneipe.

Wir sind unentrinnbar gefangen in einem Netz von Bedingungen. Können nicht anders als perspektivisch denken, können uns nicht aus der Abhängigkeit unserer Lebenszusammenhänge lösen. Können nicht sprechen, ohne dabei nicht Intentionen zu verfolgen: Sprache ohne Intentionen ist keine Sprache. So wie wir nicht nicht-kommunizieren können, können wir auch nicht nicht-intentional sprechen. Die Frage ist immer nur, welcher Art die Intentionen sind, die wir verfolgen. Welche Relevanz sie für ein Gespräch haben. Ob sie tatsächlich bewusst, geplant und zielgerichtet sind oder aber, paradox genug, unabsichtlich, weil unbewusst, internalisiert, intuitiv.

Intentionen können marginal, banal, alltäglich sein. Aber auch weltbewegend. Verletzend. Verstörend. Vernichtend. Es gibt so viele Spielarten wie es Situationen gibt. Im Zweifelsfalle gleicht keine Intention der anderen. Und manchmal ist es sogar ein Bündel von Intentionen, das sich im Gespräch offenbart. Da anzunehmen, dass die Verständigung das primäre oder gar wesentliche Ziel der Sprache ist, erscheint nicht recht plausibel. Eher wie eine verkürzte, idealisierte Sichtweise der Dinge. Denn wir verwenden täglich millionenfach Sprache, belügen und betrügen einander mit ihrer Hilfe. Flunkern. Tarnen. Täuschen. Manchmal auch uns selbst. Manipulieren. Machen dem anderen etwas vor. Wollen uns profilieren. Ablenken. Aufmerksamkeit erregen. Schön färben.

Das Ziel, von dem anderen verstanden zu werden, erscheint da lediglich wie eine von vielen Varianten der Kommunikation. Die auch gerne in Kombination mit anderen Intentionen auftritt. Und dabei mal mehr, mal weniger im Vordergrund steht. Wie man es beim gegenwärtigen Präsidenten der USA ganz aktuell erleben kann. Die Maxime der Kommunikation scheint also nicht zu lauten: Rede so verständlich wie möglich. Sondern allgemeiner: Rede so, dass du maximale Aussicht auf das erfolgreiche Erreichen deiner kommunikativen Absichten hast. Oder wie es Rudi Keller formuliert: „Rede so, dass du die Ziele, die du mit deiner kommunikativen Unternehmung verfolgst, am ehesten erreichst.“

Ziel ist demnach nicht die Verständigung, sondern der eigene soziale Erfolg. Und Kommunikation dient primär dazu, den anderen zu etwas zu bewegen, was in meinem Interesse ist.



7.
Unser Gebrauch der Sprache wird ganz wesentlich gespeist durch ein Wissen, das, so Karl Mannheim, implizites Erfahrungswissen, „konjunktives Wissen“, ist und unsere täglichen Handlungen unbewusst und unbemerkt anleitet. So meinen wir im alltäglichen Gebrauch der Sprache zwar zu wissen, was wir meinen, wenn wir etwas sagen. Aber ohne dass wir um dieses Erfahrungswissen wissen, bleibt dies ein frommer Wunsch: Ein Großteil dieses Wissens lässt sich von uns nicht oder nur höchst unzureichend explizieren. Es ist reflexiv für uns praktisch nicht verfügbar, seine Relevanz für den Gebrauch, den wir von Worten machen, kaum darstellbar.

Demgegenüber gibt es ein „kommunikatives Wissen“ (Mannheim), das zumindest theoretisch reflexiv verfügbar und explizierbar ist. Von der Möglichkeit, es zu explizieren, machen wir jedoch nur selten Gebrauch – wir machen es uns, schon aus Gründen der Sprachökonomie, nun mal gerne einfach. Und setzen im Rahmen dieses Wissens den Bestand einer Bedeutungsschnittmenge stillschweigend als gegeben voraus, die uns suggeriert, dass wir, wenn wir über etwas reden, auch über das gleiche reden. Wobei es dabei völlig irrelevant ist, ob es diese Schnittmenge tatsächlich gibt. Hinreichend ist, dass alle Beteiligten annehmen, dass dem so ist. Allein diese Annahme vermittelt schon den Eindruck einer gelungenen Kommunikation, unabhängig davon, ob der Eindruck auch nur ansatzweise mit der Realität übereinstimmt: Gelungen ist, was mir als gelungen erscheint.

Das gilt nicht nur für unseren alltäglichen Gebrauch der Worte, es gilt auch für den wissenschaftlichen Kontext. Also dort, wo die Bedeutung eines Wortes oftmals nicht sein Gebrauch in der Sprache, sondern per definitionem gesetzt und von den anderen Teilnehmern des Sprachspiels akzeptiert ist. Hier ist die Bandbreite der Bedeutung des Wortes eingeschränkt und ihrer individuellen lebensweltlichen Variationsbreite, ihrer Konnotationen und Implikationen künstlich enthoben.

Es wird in gewisser Weise eine relative Bedeutung absolut gesetzt und aus Gründen der effektiven Kommunikation bis auf Weiteres einvernehmlich ideologisiert. Wird diese Bedeutung jedoch nicht reflektiert, besteht die Gefahr, dass sich ein nachlässiger Gebrauch einschleicht. Davor sind auch wissenschaftliche Sprachspiele nicht gefeit: Termini technici, diese höchst sinnvollen „Abkürzungen für komplexe Sachverhalte“, die, so der Germanist Steffen Martens in der FAZ, „über einen langen Zeitraum hinweg“ erarbeitet wurden, werden in ihrem Gebrauch nur selten und nur ungern grundsätzlich hinterfragt. In diesem Fall wird der unreflektierte Gebrauch der Worte perpetuiert, seine Verwender werden weiter „in ihrem ‚Sprachpanzer’ hausen und durch Wortdunst ihre handwerklichen Fehler verschleiern“.

Ein Phänomen, das vor keiner Branche halt macht, wie Martens betont: „Das ist bei Ärzten, Heizungsbauern oder Juristen nicht anders.“

Dies geschieht nicht bewusst oder geplant, sondern aus Nachlässigkeit. Bequemlichkeit. Aus Ehrfurcht vor den Riesen, auf deren Schultern wir Zwerge stehen. Vielleicht aber auch ganz intuitiv aus Selbstschutz. Denn einen Gebrauch in Frage zu stellen schließt ja immer die Möglichkeit mit ein, dass er radikal revidiert werden muss. Und mit ihm möglicherweise herrschende Lehrmeinungen. Oder historisch liebgewonnene Denkmuster.

Womit wir wieder am Anfang stehen.

Montag, 30. Januar 2017


Erziehung zur Demokratie


Ende November 2016 gab der derzeitige Vorsitzende des Kulturrats NRW, der ehemalige deutsche Innenminister Gerhart Baum, der Rheinischen Post ein Interview, das nachdenklich machte. Kultur zu fördern, so bedeutet er darin den kulturpolitisch Verantwortlichen Düsseldorfs, heiße nichts anderes, als „die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft“ zu sichern.

Damit erteilte er allen Kleingeistern von vornherein eine unmissverständliche Abfuhr. Und legte innerstädtisch die Latte hoch: Alle haben sich darüber im Klaren darüber zu sein, dass Kultur „eine Sache der geistigen Herausforderung“ sei. Schon darum sei es „völlig unsinnig, kulturellen Einrichtungen vorzuwerfen, sie seien elitär“.

Es mag sein, dass es an eben dieser geistigen Herausforderung liegt, warum, so Baum, „junge Leute zu dem, was wir Hochkultur nennen, nur schwer Zugang finden“. Aber darf das ein Argument dafür sein, dass „die Kultur ... ihren hohen Anspruch, also ihre künstlerische Qualität“ zukünftig zugunsten populärer „niedrigschwelliger“ Angebote aufgibt? Es wäre eine kulturpolitische Bankrotterklärung, ja geradezu ein Ausweis provinzlerischen „Banausentums“, würde diese Frage mit „Ja“ beantwortet werden.

Dem ist allein schon deshalb so, weil die „Kultur ... die Seele der Stadt“ ist, so Baum. Und wer will schon seine Seele verlieren?

Kunst als lebenslanges Bildungsprogramm

Die aktuelle Heinrich Heine-Preisträgerin Alison Louise Kennedy schrieb der Stadt in ihrer bundesweit beachteten Dankesrede mit mahnenden Worten ins Stammbuch, welche Alternative es zu eben jenen von dem Oberbürgermeister Düsseldorfs in einem Interview mit der „Welt“ geforderten „niedrigschwelligen“ Angeboten gibt, die den Menschen den Zugang zur Kunst und Kultur erleichtern:

„Die Ausübung der Künste und der Kontakt mit ihnen ist unser lebenslanges Bildungsprogramm – hier und jetzt: das bereitet uns darauf vor, klug zu wählen.“

Ein lebenslanges Bildungsprogramm, das uns für die Demokratie vorbereitet: „Kunst ist das Herz der Demokratie“, so Kennedy. Und ist dieses Herz geschwächt, ist die Demokratie in Gefahr:

„Uns allen ist bewusst, dass die Werte, die uns schützen, uns die bestmöglichen Chancen versprechen, unser menschliches Potenzial zu erfüllen und das Menschliche in anderen zu sehen und wertzuschätzen – dass diese Werte derzeit vergessen, verlacht oder still und leise verscharrt werden.“

Verstörend, dass ausgerechnet NRW-Finanzminister Borjans anlässlich der Veräußerung der Westspiel-Kunstsammlung genau das vergessen hat. Und diese Werte auf einen reinen Geldwert reduzierte:

„Ein Kunstwerk hat einen Wert, wenn es zu veräußern ist.“

In einem aktuellen Essay konstatiert der Kultursoziologie Andreas Reckwitz für unsere moderne Gesellschaft, dass in ihr ein „tiefgreifender und expansiver Prozess der formalen Rationalisierung, der Standardisierung, Formalisierung und Generalisierung des Sozialen“ stattfindet. Ein Ergebnis dieses Prozesses: Der intrinsische Wert, also der Eigenwert künstlerischer Werke, verliert gegenüber dem abgeleiteten Wert, dem Nutzwert, zunehmend an Bedeutung: Wert hat nur noch, was verwertbar ist.

Schulung einer kritischen Haltung

Wir leben in einer Welt, „in der alles seine Nützlichkeit und Verwertbarkeit für das Wirtschaftswachstum beweisen muss“. Das konstatiert auch der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. Doch selbst eine Kunst, die sich diesem Diktum affirmativ hingibt, ist, so Liessmann, „nicht verwerflich“. Wer die Kunst jedoch allein als schmückendes Beiwerk betrachtet, hat ihren eigentlichen Wert – und damit ihren Wert für uns und die Gesellschaft – nicht erkannt:

„Die Kunst erfordert, heute mehr denn je, das Eintauchen in eine andere Welt, eine Welt, in der es um Genauigkeit, Aufmerksamkeit, Konzentration, Hingabe, Anstrengung und Selbstvergessenheit geht, um Haltungen also, die quer stehen zu jener Mischung aus Bequemlichkeit und Egomanie, zu der wir ansonsten angehalten sind.“

Und was bekommen wir dafür? Eine tiefe, innere, ganz individuelle Befriedigung jenseits jeglicher ökonomischer Messbarkeit:

„Etwas davon spüren wir jedes Mal, wenn wir in einer gelungenen Aufführung eines Konzertes, eines Theaterstücks, einer Oper das Gefühl haben, dass es genau das ist, um dessentwillen es sich zu leben lohnt, dass es genau diese Erfahrung ist, die einen Reichtum in sich trägt, der alles andere (...) verblassen lässt.“

Kunst heißt eben nicht: rezeptiver und passiv sedierender Konsum zur leidlichen Bedürfnisbefriedigung. Kunst heißt: anstrengende, weil aktive und produktive Teilhabe. Kunst heißt zudem: „Schulung einer kritischen Haltung“. Und nicht zuletzt: Bildung zur Eigenverantwortlichkeit.

„Ästhetische Bildung als Modell für die Freiheit und Autonomie des Menschen kann sich nur in Auseinandersetzung mit der Kunst entfalten.“

Das Herz der Demokratie

Freiheit und Autonomie: Das ist das, was die Kunst demjenigen mit auf den Weg gibt, der sich mit ihr auseinandersetzt. Und genau darin liegt der eigentliche Kern des programmatischen Satzes von Alison Kennedy:

„Die Kunst ist das Herz der Demokratie.“

Die Förderung der Kunst, ihrer Freiräume und Zugänge bedeutet somit nichts anderes als kulturelle Daseinsvorsorge für die Bürger. Sie ist damit fundamental für den Bestand einer Demokratie. Und wesentlich für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

In der Auseinandersetzung mit der Kunst in allen ihren vielgestaltigen Facetten lernt der Mensch, was Freiheit, was Demokratie bedeuten kann. Lernt, dass es neben ökonomischen Werten auch solche gibt, die sich gänzlich einer kommerziellen Verwertbarkeit entziehen – intrinsische kulturelle Werte, die konstitutiv für eine offene, zivilisierte Gesellschaft sind. Je mehr die Kunst von den Verantwortlichen als ganz selbstverständlicher Teil eines lebenslangen Bildungskanons der Gesellschaft verstanden wird, desto größer wird die Chance auf aktive, produktive Teilhabe aller an der Kunst sein.

Und je mehr Menschen in einer Gesellschaft die Chance eröffnet wird, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, je mehr sich in produktiver Teilhabe dann tatsächlich individuell mit Kunst auseinandersetzen, desto stabiler wird das kollektive Fundament der kulturellen Werte einer Gesellschaft sein – und desto besser ist es um die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft bestellt:

Genau diese kulturellen Werte sind es, die die Identität einer Gesellschaft ausmachen. Je breiter die Basis derer ist, die sie durch aktive und produktive Teilhabe an der Kunst mit erarbeitet haben, desto mehr ist die gemeinsame Identität keine oktroyierte, von außen übergestülpte, sondern eine durch die Gesamtheit der Individuen geschaffene Identität. Und damit Ausweis einer vitalen, zivilisierten Gesellschaft.  

Freiräume schaffen, um Freiheit zu sichern

„Kultur ist eben nicht“, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters in einer Rede vor dem Industrieclub in Düsseldorf, „das Ergebnis wirtschaftlichen Wohlstands, sie ist vielmehr dessen Voraussetzung.“  Sie ist das, „was uns definiert.“ Darum sind die Güter der Kultur „als Spiegel unserer Geschichte und unserer Identität“ für uns existenziell und geben uns die Einrichtungen der Kultur „Auskunft über unser kulturelles Gedächtnis“. Gerade deshalb, so Grütters, „verdienen Kunst und Kultur nicht nur Förderung, sondern auch Schutz“.

Was aber passiert, wenn man dies vergisst und den wahren Wert mit dem Warenwert verwechselt? Wenn also „das Bewusstsein für den Wert der Kunst und der Kultur und damit auch für die staatliche Verantwortung fehlt“? Das zeigte sich unlängst beim Verkauf der Westspiel-Kunstsammlung wie auch bei der Debatte um die Zukunft des Düsseldorfer Schauspielhauses. Eine unwürdiges Schauspiel, das Gerhart Baum launig mit den Worten kommentierte:

„Das Verhalten der Stadtspitze in Düsseldorf zeugt von Banausentum.“

Kunst und Kultur können, so Grütters, „Werte jenseits der Maßstäbe ökonomischer Verwertbarkeit“ schaffen. Und Antworten „auf Fragen nach den Sinn stiftenden Kräften und Werten (geben), die unsere Gesellschaft zusammen halten“. Dies zu ermöglichen und zu schützen „ist Aufgabe einer Kulturpolitik, die sich der Freiheit und der Kunst verpflichtet fühlt“.

„In Deutschland“,
so betont Grütters, “haben wir aus zwei deutschen Diktaturen in einem Jahrhundert eine Lehre gezogen, die da lautet: Kritik und Freiheit der Kunst sind konstitutiv für eine Demokratie“. Aus dieser Verpflichtung heraus verbietet es sich für eine verlässliche, verbindliche und verantwortungsbewusste Kulturpolitik, kreischende Eventräume für massenkompatible Blockbuster stillen Kultureinrichtungen vorzuziehen, die für die Menschen ganzjährige Reflexionsräume darstellen. Es verbietet sich, unmoralische Angebote von „niedrigschwelliger“ Qualität anzufordern, die nur ein quantitativ definiertes Kriterium zu erfüllen haben, um ihre Förderungswürdigkeit nachzuweisen. Und es verbietet sich, den Menschen die passive Teilhabe an populären Straßenradrennen bereits als Teilnahme „am zivilisierten bürgerlichen Leben“ zu verkaufen.

„Kunst, Kultur, Literatur dürfen, ja sie sollen und müssen zuweilen Zumutung sein. Deshalb müssen wir alles daran setzen, ihre Freiheiten und ihre ästhetische Vielfalt zu sichern.“ Denn sie, und unsere tätige, lustvolle Auseinandersetzung mit ihnen, befördern und befeuern diese dysfunktionale Vielfalt, diese kleinen, intimen, individuellen „Revolutionen im Denken, im Wahrnehmen, im Empfinden, im Bewusstsein“, die, wie es Grütters ausdrückt, „jeder kleinen und großen gesellschaftlichen Veränderung vorausgehen“.

Nur da, wo Kunst, Kultur und Literatur leidenschaftlich gefördert werden, wo ihr die Freiräume geschaffen werden, in denen sie sich auch frei im Sinne der Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft entfalten können, wo sie nicht dem Diktat der Ökonomisierung, sondern allein ihren eigenen Regeln gehorchen, wo alles getan wird, damit „aus diesen Keimen etwas wachsen darf“, nur da kann es auch „eine vitale Demokratie“ geben.

Samstag, 14. Januar 2017


Unübliche Gedanken zur Kunst


„Was wollt ihr denn noch von der Kunst?“ Niklas Maak stellt Kulturschaffenden wie Kunstinteressierten in einem bemerkenswerten Artikel in der F.A.S. die Sinnfrage angesichts einer Kunst, die zunehmend mehr in die Fänge einer globalen Ökonomisierung gerät. Einer Kunst, die allerdings an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig ist, begibt sie sich doch bisweilen freiwillig dort hinein und beraubt sich, derart kommerziell gleichgeschaltet, weitgehend selbst der ihr innewohnenden Kritikfähigkeit.

Aber wovon spricht man überhaupt, wenn man von ‚der Kunst’ spricht? Es scheint, als gäbe es einen geheimen Konsens aller im engeren und weiteren Sinne am Diskurs Beteiligten darüber, was ‚die Kunst’ ist. Genau dies suggeriert auch die Frage von Niklas Maak. Wobei wir doch spätestens seit Wittgenstein wissen: Es ist ein Trugschluss, wenn man meint, beim Gebrauch eines Begriffs von dem exakt gleichen Gebrauch dieses Begriffs bei anderen ausgehen zu können.

“Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ So Wittgensteins Diktum. Und der Gebrauch ist bei jedem, wenn auch vielleicht nur minimal, in der synchronen Betrachtung anders als bei anderen, ja, oftmals ist er sogar bei dem Einzelnen selbst von Gebrauch zu Gebrauch etwas anders – und in der diachronen Betrachtung potenzieren sich diese unterschiedlichen Gebrauchsweisen, sprich: Bedeutungen, ins Unermessliche.

Kunst ist nicht

Das im Gespräch explizit berücksichtigen zu wollen, würde nicht nur das Ende eines jeden Gesprächs bedeuten. Es würde ein Gespräch prinzipiell unmöglich machen. Um also eine Kommunikation grundsätzlich zu ermöglichen, lassen wir im jeweiligen Gebrauch des Wortes den Aspekt der unterschiedlichen Gebrauchsweisen erst einmal außer Acht. Stattdessen gehen wir, ganz intuitiv, von einem idealisierten Verständnis aus, das uns als Bedingung der Möglichkeit alltäglicher Kommunikation eine halbwegs kollisionsfreie Verständigung mit anderen sichert.

Wir ignorieren also weitgehend die Bedeutungsunschärfen, die sich aus den individuell verschiedenen Gebrauchsweisen und dem entsprechenden individuellen Verständnis von den Worten ergeben. Aber manchmal kommt man nun mal nicht umhin, sich auf eine grundsätzliche Diskussion über die Bedeutung eines Wortes, also seines Gebrauchs in der Sprache, einzulassen. Denn nur dann wird man zum einen sicherstellen können, dass man nicht nur die gleichen Worte verwendet, sondern auch halbwegs den gleichen Gebrauch davon macht. Und zum anderen, dass man über das, worüber man redet, überhaupt so reden kann, wie man es tut.

Eben das ist bei der Kunst der Fall. Denn sie existiert nicht in der Weise, wie ein Stuhl existiert. Oder ein Tisch, ein Auto, ein Bild. ‚Kunst’ ist ein Allgemeinbegriff, eine Universalie. So wie es der ‚Markt’ ist, der ‚Mensch’, der ‚Staat’ oder die ‚Kirche’. Sie alle existieren nur durch uns so wie die Bedeutung eines Wortes nur durch unseren Gebrauch in der Sprache existiert. Wir hypostasieren, nutzen diese Allgemeinbegriffe wie deiktische Begriffe, die sich auf Dinge in der Wirklichkeit beziehen. Wir tun das sinnvollerweise, denn dies ermöglicht uns eben eine relativ problemlose Verständigung mit anderen. Aber das darf uns nicht dazu verleiten, anzunehmen, es gäbe diese Dinge wirklich: Allgemeinbegriffe haben kein physisches Pendant, sie beziehen sich nicht auf etwas, was einen sinnlich wahrnehmbaren, real existenten Seinszustand besitzt.

Deshalb gibt es auch die Kunst nicht. Zumindest nicht so, wie es uns unser laxer Sprachgebrauch glauben machen möchte: als ‚etwas’.

Das Wort, eine platonische Liebe

Warum wir aber nur zu gerne von der Kunst so sprechen, als hätte sie eine ontologische Existenz, liegt nicht allein an unserer sprachökonomisch begründeten laxen Redeweise – wir tun es auch, weil eine solche ontologische Existenz in einer anderer Gebrauchsweise des Wortes in manchen Fällen tatsächlich vorliegt: Als ‚Kunst’ bezeichnen wir auch ein real existierendes Werk.

Weil Sprache uns gefangen nimmt, sie unsere Wahrnehmung ganz wesentlich prägt, weil diese Art der Deixis uns so viel plausibler erscheint und so viel einfacher zu verstehen ist, übertragen wir in der Kommunikation der Einfachheit halber die eine Redeweise auf die andere. Und reden auch von ‚der Kunst’  so, als handle es sich um ein konkretes Objekt, das in der aktualen Welt real existiert.

Hier stehen wir nun mit beiden Beinen tief im gut 2500 Jahre alten abendländischen Schlamassel der Philosophiegeschichte, den uns Platon mit seiner Ideenlehre eingebrockt hat. Und von der wir seitdem nicht lassen können. Wir kommen immer wieder auf die Idee, ein Werk als ‚Kunst’ zu bezeichnen, weil wir beim Gebrauch der Allgemeinbegriffe an der Idee der abstrakten Idee hängen: dem Wesen einer Sache.

Das Wesen: Auch so ein enorm praktikables, aber rein gedankliches Konstrukt, bei dem wir gewisse allgemeinverbindliche Merkmale imaginieren, um etwas als etwas benennen zu können. In unserem Falle: als ‚Kunst’.

Wenn’s allerdings konkret wird, wenn also das Wesen der Kunst benannt werden soll, an dem ein Werk, in welcher Form auch immer, teilhat und es, so geadelt, als ‚Kunst’ bezeichnet werden kann, dann wird’s in der Regel heikel. Was allerdings nicht, wie mancher nun meinen könnte, an der Kunst liegt. Nein: Das Problem ist prinzipieller Natur. Denn schon der vermeintlich einfachere Versuch, das Wesen eines Stuhls zu beschreiben, lässt einen schier verzweifeln: Welche Eigenschaften kennzeichnen einen Stuhl denn unzweifelhaft, eineindeutig, für alle Ewigkeit, in allen sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten als ‚Stuhl’? Mir fällt spontan nicht eine ein. Also weg mit dem Wesen. Zumindest solange, bis jemand derart charakterisierte Eigenschaften für die verschiedenen Fälle verbindlich definieren kann.

Verführerische Rede

Seit ewigen Zeiten haben wir das unstillbare Verlagen, selbst das Unbegreifliche begreifen zu wollen. Neigen dazu, Gedachtes als Seiendes aufzufassen. Abstraktes als Konkretes. Und bannen es dann nicht ohne Grund in Worte. Geben den Dingen Namen, um sie sich uns anzueignen. Untertan zu machen. Dabei machen wir im Gebrauch keinen Unterschied zwischen den Worten, denen konkrete Existenzen, physische Objekte entsprechen und den Worten, bei denen dies nicht der Fall ist. Wie eben bei „der Kunst“. Eine Neigung, die durch die Tendenz der sprachlichen Ökonomie, solche Feinheiten im Gespräch geflissentlich auszublenden, tatkräftige Unterstützung findet. Was einerseits zwar eben die Alltagstauglichkeit der Sprache sicherstellt, aber uns andererseits auch dazu verführt, Worte für bare Münze zu nehmen. Im alltäglichen Gespräch ebenso wie im Feuilleton oder in philosophischen Diskursen:

Wir reden über die Dinge in einer Weise, wie sie prinzipiell nicht sein können. Aber nur weil wir so reden, sollten wir nicht auch so denken. Stellt sich nur die Frage: Wie sind die Dinge dann zu denken?

Dienstag, 27. Dezember 2016


Was bedeutet Teilhabe für die Kunst?


Es gibt Sätze, die haben etwas Subversives. Man nimmt sie zwar wahr, aber nicht recht zur Kenntnis. Und doch bleiben sie haften. Unterschwellig. Entfalten ihre Wirkung schleichend, dafür aber umso nachhaltiger: Haben sie sich erst mal häuslich niedergelassen, bekommt man sie nicht mehr aus dem Kopf – was zuvor völlig selbstverständlich erschien, wird nun bis in alle Ewigkeit prinzipiell in Zweifel gezogen.

„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“. Das ist solch ein Satz. Zumindest für mich. Was Ludwig Wittgenstein mir damit angetan hat, kann ich, konsequenterweise, kaum in Worte fassen.

So ist es mir zum Beispiel nicht mehr möglich, ganz unbefangen einen Blick in ein Wörterbuch zu werfen, um die Bedeutung eines Wortes zu klären. Wenn ich nur daran denke, überfällt mich schon ein intellektueller Schüttelfrost, der sich bisweilen zu einem veritablen geistig-grippalen Infekt mausert: Was soll mir denn das Lexikon sagen, wenn doch jedes Wort, das ich suche, dort ungebraucht vorliegt?

Auch erweist sich mir im Gebrauch der Gebrauch der Wörter seit Lektüre dieses Satzes als derart vielfältig, dass ich nicht mehr den Hauch einer Chance sehe, ihre Bedeutungen, die sich aus dem Gebrauch ergeben, auch nur annähernd erfassen zu können – die Bedeutungen eines Wortes sind so zahlreich wie es „die Sprache und die Tätigkeiten (sind), mit denen sie verwoben ist“. Unendlich, um genau zu sein.

Da ist es nur folgerichtig, dass, wenn nun verschiedene ‚Sprachspiele’, wie Wittgenstein es nennt, aufeinandertreffen, das Missverständnis die Regel ist, nicht aber das Verständnis: Wenn zwei das gleiche Wort benutzen und meinen, sie würden damit auch das gleiche meinen, befinden sie sich von vornherein auf dem Holzweg.

Das gilt für den philosophischen Diskurs ebenso wie für das alltägliche Gespräch. Und, ganz aktuell, auch für die kulturpolitische Debatte, die derzeit in Düsseldorf geführt wird. Die dreht sich nämlich um einen Begriff, den zwar die Beteiligten immer wieder gebrauchen, von dem aber alle einen anderen Gebrauch zu machen scheinen: Teilhabe.

Die Demokratie stabilisieren

So versteht der Oberbürgermeister der Stadt unter Teilhabe die Möglichkeit der Menschen,
am zivilisierten bürgerlichen Leben“ teilzunehmen. Ist sie nicht gegeben, fühlen sich die Menschen in der Gesellschaft abgehängt. Ein Umstand, der, so OB Thomas Geisel in einem Interview mit der „Welt“, erst den „Aufstieg von Demagogen wie Donald Trump oder Marine Le Pen“ ermöglicht hat. 

Wie, wo und wann er diese demokratiestabilisierende Form der Teilhabe beispielhaft realisiert sieht, tut er in diesem Interview auch kund:
Für die Tour de France werden wir vielleicht vier Millionen Euro ausgeben und an diesem Ereignis können – umsonst und draußen – über eine Millionen Menschen teilhaben.“

Dieser Gebrauch des Wortes Teilhabe ist natürlich völlig legitim. Zumal die dort angesprochene Form von Teilhabe, wenn sie auch nicht immer ganz umsonst ist, doch Millionen begeistert. Das wird einem jeder Fußballfan landauf, landab mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen gerne bestätigen. Aber ob sich eine solch rein zuschauende Teilhabe an der Tour de France bereits als eine Teilhabe am „zivilisierten bürgerlichen Leben“ verstehen lässt oder ob sie gar ein probates Mittel darstellt, den Aufstieg der Trumps und Le Pens dieser Welt zu verhindern, sei einmal dahingestellt.

Das Bestreben, möglichst viele Menschen mit einem möglichst geringen finanziellen Aufwand zu erreichen, ist, aus rein haushaltspolitischer Sicht, sicherlich sehr löblich. Aber darf allein schon die projektierte Anzahl teilhabender Bürger als eines der wesentlichen Kriterien für die Förderungswürdigkeit kultureller Ereignisse definiert werden? Sollte man die Subvention rein kommerziell getriebener sportlicher Großevents mit der im Staatsvertrag festgeschriebenen Verpflichtung zur öffentlichen Förderung kultureller Ereignisse in einen Topf werfen? Ist die Verwendung des Begriffs Teilhabe auch bei lediglich passivem Konsum, insbesondere „niedrigschwelliger Angebote“, angemessen? Für Düsseldorfs OB scheint es auf all diese Fragen nur eine Antwort zu geben: Ja.

Vitale Kultur als Voraussetzung wirtschaftlichen Wohlstands

„Kultur ist, was uns definiert“, sie ist „Spiegel unserer Geschichte und unserer Identität“. Insofern hat „Kunst nicht nur einen Preis, sondern auch einen Wert“ – einen kulturellen Wert. Darauf machte unlängst erst Kulturstaatsministerin Monika Grütters in einer bemerkenswerten Rede anlässlich einer Veranstaltung des Industrieclubs Düsseldorf aufmerksam: 

„Kultur schafft Werte jenseits der Maßstäbe ökonomischer Verwertbarkeit. Wo, wenn nicht in der Kultur, wird nach Antworten auf letzte Fragen gerungen, auf Fragen nach den Sinn stiftenden Kräften und Werten, die unsere Gesellschaft zusammen halten?

Dies zu ermöglichen, ist Aufgabe einer Kulturpolitik, die sich der Freiheit der Kultur und der Kunst verpflichtet fühlt. In Deutschland haben wir aus zwei deutschen Diktaturen in einem Jahrhundert eine Lehre gezogen, die da lautet: Kritik und Freiheit der Kunst sind konstitutiv für eine Demokratie. Wir brauchen sie, die mutigen Künstler, die verwegenen Denker! Sie sind der Stachel im Fleisch unserer Gesellschaft, der verhindert, dass intellektuelle Trägheit, argumentative Phantasielosigkeit und politische Bequemlichkeit die Demokratie einschläfern. Sie sind imstande, unsere Gesellschaft vor gefährlicher Lethargie und auch vor neuerlichen totalitären Anwandlungen zu schützen. Die Freiheiten dieser Milieus zu schützen, ist oberster Grundsatz, ist vornehmste Pflicht verantwortungsvoller Kulturpolitik. Kunst, Kultur, Literatur dürfen, ja sie sollen und müssen zuweilen Zumutung sein. Deshalb müssen wir alles daran setzen, ihre Freiheiten und ihre ästhetische Vielfalt zu sichern. Die staatliche Fürsorge für die Kultur und ihre Freiheit, die mit dem Mut zum Experiment natürlich auch das Risiko des Scheiterns einschließt, hat immer wieder weltweit beachtete Leistungen hervorgebracht. Ich bin überzeugt: Dieses hartnäckige Engagement für die Kultur und die Künste hat entscheidenden Anteil am mittlerweile wieder hohen Ansehen Deutschlands in der Welt. Kultur ist eben nicht das Ergebnis wirtschaftlichen Wohlstands; sie ist vielmehr dessen Voraussetzung. Sie ist nicht allein Standortfaktor, sondern auch und vor allem Ausdruck von Humanität. Sie ist der Modus unseres Zusammenlebens.“

Grütters schloss ihre Rede mit einem Appell an Düsseldorf, der durchaus als Appell an alle kommunal Verantwortlichen in Deutschland zu verstehen ist: „Geben Sie der Kultur in Ihrer Stadt so viel Raum wie nur möglich!“

Aktive Partizipation vs passiver Konsum  

Gerade vor dem Hintergrund der Bedeutung von Kunst und Kultur als konstituierende und stabilisierende Kraft für eine offene, zivilisierte Gesellschaft, bekommt der erweiterte Gebrauch des Wortes Teilhabe eine Bedeutung, deren Dimension sich einem erst nach und nach eröffnet: Teilhabe bedeutet da nicht mehr passiver Konsum, sondern aktive Auseinandersetzung mit dem Werk – KünstlerInnen zwingen den Einzelnen durch ihre inspirierende Nötigung zur spontanen, selbstverantworteten Stellungnahme.

Somit wären es nicht Kunst und Kultur, die „Werte jenseits der Maßstäbe ökonomischer Verwertbarkeit“ schaffen – dank ihrer inspirierenden Kraft schaffen Kunst und Kultur diese Werte durch und mit uns: In einem steten Prozess der Rezeption und Inspiration konstituieren sich alle Beteiligten mit ‚unsichtbarer Hand’ (Adam Smith) gemeinsam ihre gemeinsamen kulturellen Werte, ihre gemeinsame Geschichte und Identität. Diese stellen sich somit, von niemandem beabsichtigt, als kollektives Resultat der individuellen Beiträge dar.

Dieses ungeplante und ungewollte synchrone Resultat ist im fortlaufenden diachronen Prozess der Rezeption und Inspiration in beständiger Entwicklung, Erneuerung und Wandlung begriffen. So wie es, was der Linguist Rudi Keller überzeugend dargelegt hat, auch in einer lebendigen Sprache geschieht. Eben in dieser Fähigkeit zeigt sich die Vitalität einer zivilisierten Gesellschaft – sie ist ein wesentlicher Ausweis ihrer Zukunftsfähigkeit. Und da ja, wie uns A. L. Kennedy jüngst ins Stammbuch geschrieben hat, die Kunst das Herz der Demokratie“ ist, ist folglich eine Demokratie umso gesünder je vitaler ihre Kunst ist.

Wird jedoch dieser Prozess nicht intensiv gefördert, kann die kollektive kulturelle Dynamik einer Gesellschaft zum Erliegen kommen. Im Extremfall würden zukünftig kaum noch kulturelle Werte neben ökonomischen Werten geschaffen und aufrechterhalten, die Logik der Ökonomisierung würde die absolute Herrschaft übernehmen.

Da sich aber die Menschen nach Werten jenseits der Verwertbarkeit und Messbarkeit, jenseits merkantiler Interessen und durchgängiger Kommerzialisierung, jenseits eines rein rational und funktional definierten Primats sehnen, macht sich in ihnen ein Gefühl des Defizits breit. Ein Defizit, das sich, wie wir es gerade weltweit in seinen verschiedensten Ausprägungen erleben, rasend schnell zu einem Vakuum auswachsen kann – dann ist die Stunde der Demagogen gekommen.

Vordringlichstes Ziel jeder staatlicher und kommunaler Behörden, aber auch jedes Einzelnen sollte es deshalb sein, diesen Prozess mit allen zur Verfügung stehenden Kräften in einem stetigen Fluss zu halten: Darin äußert sich unser aller gesellschaftliche Verantwortung und Verpflichtung.

Kunst lehrt uns Eigenverantwortung

Norbert Elias beschrieb den Prozess der Zivilisation, grob vereinfacht, so: In dem Maße, in dem wir unsere individuelle Freiheit gewinnen, müssen wir äußeren Zwang durch innere Kontrolle ersetzen. Das heißt, wir sind zunehmend zur Selbstverantwortung verpflichtet. Was mühsam ist, muss sie doch täglich in Eigenleistung neu erarbeitet werden. Da uns in unserer zunehmend globalisierten, im Zuge der Aufklärung so rationalisierten wie säkularisierten Welt mehr und mehr die liebgewonnenen ehernen Werte fehlen, die uns heilsgewisse Orientierung geben, leben wir in einer Zeit der Unverbindlichkeit, Ungewissheit und Unsicherheit.

Wir sind auf uns geworfen. Müssen unseren eigenen Werterahmen schaffen, ihn beständig abgleichen, vor anderen rechtfertigen, ihn modifizieren, sozial kompatibel machen. Und ihn morgen womöglich komplett über den Haufen werfen, weil sich wieder mal die Umstände ändern. 

Nun sind aber, so Elias, die ‚Umstände‘, die sich ändern, (...) nichts, was gleichsam von ‚außen‘ an den Menschen herankommt; die ‚Umstände‘, die sich ändern, sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst.

Dies, so hat es den Anschein, wird dem Menschen auf Dauer zu viel, zu kompliziert, zu anstrengend. Da ist es doch leichter und angenehmer, sich gleich in den warmen, wohligen Schoss eines wie auch immer gearteten "Wir" zu begeben. Sich ihm zu überantworten, um sich der Mühsal der Eigenverantwortung zu entledigen. Hier bin ich unter meinesgleichen, muss mich nicht mehr sonderlich anstrengen, vor anderen rechtfertigen. Sondern bekomme mundgerecht meine Ansichten zugeteilt, die ich zu haben habe, um wieder Teil eines großen Ganzen zu sein, in dem es für alle verbindliche Werte gibt – im Zweifelsfalle vorgesetzt von einer totalitären Autorität, die mir, gleichsam im zivilisatorischen Rückschritt wieder von ‚außen’ kommend, die Umstände, in denen ich zu leben habe, so definiert, dass sie mir als absolut und ewig bestehend erscheinen.

Kunst, die frei ist, kann jedoch einen Beitrag zur Stabilisierung der Gesellschaft beitragen: In der Teilhabe an ihr, der individuellen Rezeption, lernt der Mensch ein Stück weit Eigenverantwortlichkeit, indem er sich von ihr inspirieren lässt, selber zu denken. Stellung zu beziehen. Seine eigene Meinung zu äußern und zu begründen. Er lernt, nicht einer autokratischen Instanz zu gehorchen und geistig in vorgestanzten Rastern zu vagabundieren. Er lernt, Vertrauen in sich selbst zu haben und zu einer individuellen Entscheidungsfindung zu kommen, die nicht auf ein „Wir“ rekurriert, das ihm Halt, Sicherheit und Orientierung gibt. Sondern auf sein „Ich“, das durch seine Teilhabe an Kunst und Kultur aktiv zur Konstitution gemeinsamer kultureller Werte im sozialen Kontext beiträgt – zu einer Identität, die der Mensch aus sich selbst heraus mitentwickelt und die ihm eben nicht oktroyiert wird.

So gesehen stellt eine aktive Teilhabe an der Kunst fast schon so etwas wie einen pädagogischen Auftrag im Geiste Humboldts zur Ausbildung der individuellen Fähigkeiten zum Wohle der Gesellschaft dar. Eine Ausbildung, die dem zunehmend als Belastung empfundenen Zwang zur Eigenverantwortung etwas von ihren Schrecken zu nehmen vermag: Ich erlerne sie spielerisch, abseits des lebensweltlichen Drucks.

Sicherlich ist damit nur wenig getan. Zu wenig. Aber wer sich selbst dem Wenigen verweigert, verweigert sich ganz. Und überlässt zum einen der Logik der Ökonomisierung, Verwertbarkeit und Messbarkeit die Macht – und zum anderen den Demagogen dieser Welt das Vakuum, das die Menschen angesichts der kulturellen Wertelosigkeit derzeit empfinden.

Ohne Teilhabe keine Kunst

Individuelle Rezeption der Kunst qua Inspiration ist das genaue Gegenteil einer merkantilen Logik, die keine Abweichung von einer einmal definierten, für alle verbindlichen Norm erlaubt: Sie ist subversiv und assoziativ. Sie fordert die dysfunktionale Abschweifung und den aberwitzigen Exkurs. Die spontane Eingebung. Intuitive Reaktion. Und hemmungslose Subjektivität. Dort mäandern wir durch unsere Gedanken. Verfertigen sie allmählich beim absichtslosen Staunen. Gehen methodisch Umwege. Reflektieren in Schlangenlinien. Laufen zickzack. Und flanieren lustvoll im Labyrinth unseres eigenen Kopfs.

Besonders lustvoll wird es, wenn man sich dessen bewusst wird, dass Kunst ja nicht in der Weise existiert, wie ein Stuhl existiert. Oder ein Tisch, ein Auto, ein Bild. „Kunst“ ist ein Allgemeinbegriff, eine Universalie. So wie es der „Markt“ ist, der „Staat“ oder die „Kirche“. Sie alle existieren nur durch uns wie die Bedeutung eines Wortes nur durch unseren Gebrauch in der Sprache existiert. Wir nutzen diese Allgemeinbegriffe sinnvollerweise, um eine alltägliche, halbwegs problemlose Verständigung überhaupt erst zu ermöglichen. Aber das darf uns nicht dazu verleiten, anzunehmen, es gäbe sie: Allgemeinbegriffe haben kein physisches Pendant, keinen sinnlich wahrnehmbaren, faktischen Seinszustand.

Die Kunst existiert deshalb nicht so, wie wir uns das gemeinhin vorstellen. Und schon gar nicht als solche in einem diffusen Kosmos außerhalb und unabhängig von uns:

„Kunst“
existiert erst und einzig durch die KünstlerInnen, durch deren künstlerischen Akt, durch die dabei erschaffenen Werke – und durch unsere aktive Teilhabe, die individuelle Rezeption und Inspiration.

Die Teilhabe an der Kunst, die Teilhabe an der Hochkultur und freien Szene, der Subkultur, Eigeninitiativen, Poetry-Slams und Literaturfestivals, der Lesungen und Open-Air-Festivals, der kleinen Galerien und großen Konzerte zu fördern heißt demnach, Kunst faktisch überhaupt erst zu ermöglichen. Kunst zu fördern, indem ich sie ermögliche, heißt, „das Herz der Demokratie“  (A.L.Kennedy) zu stärken und so die „Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft“ (G.Baum) sicherzustellen. 

Die Teilhabe an der Kunst zu fördern ist somit keine Frage des Geldes, sondern die Gretchenfrage einer gesellschaftlichen Haltung: Wie hältst du es mit der Zukunft unserer Demokratie?