Dienstag, 6. Oktober 2026

  

Das Ende der Zeit

 

 

Nach dem aktuellen Stand unseres Wissens war das Universum nur eine Sekunde nach dem Urknall bereits 10 bis 20 Lichtjahre groß. Diese als kosmische Inflation bezeichnete Ausdehnung muss also in einer Geschwindigkeit erfolgt sein, die weit jenseits der Lichtgeschwindigkeit liegt. Sie gilt aber gemeinhin als die absolute Grenze, die Materie und Energie erreichen kann. Genauer gesagt: im Vakuum erreichen kann. Denn das Vakuum bezeichnet einen gegebenen Raum, durch den sich Materie und Energie bewegen. Bei der kosmischen Inflation hingegen handelt es sich um ein Phänomen, bei dem sich Materie und Energie nicht durch den Raum bewegen. Vielmehr dehnt sich hier der Raum selbst aus: Er entsteht im Moment seiner Ausdehnung – und für diese Form der Dehnung gilt nicht die an die Raum-Zeit gebundene Maximalgeschwindigkeit des Lichts. Zudem: Es gibt hier kein außerhalb, weshalb dieses Kein-außerhalb der plausibelste Kandidat für das Phänomen ist, das wir als das Nichts bezeichnen. Demgegenüber ist das Innerhalb, das Raum-Zeit-Gefüge, in dem die Gesetze der Physik gelten, der plausibelste Kandidat für das Phänomen, das wir als das Sein bezeichnen.

 

Mit der Dehnung des Raumes selbst geht die Ausdehnung der Objekte und damit auch die Entfernung voneinander innerhalb dieses sich ewig selbst dehnenden Raums einher, was den Gedanken an eine Poincaré-Wiederkehrzeit ad absurdum führt. Diese ewige Dehnung wird in Billiarden von Jahren dazu führen, dass nicht allein Galaxien, Sterne und Planeten sich unendlich weit voneinander entfernt haben, sondern dass sich dieses Phänomen auch im subatomaren Bereich ereignen wird. So werden sich dereinst einsame Bosonen in den grenzenlosen Weiten des sich ewig weiter dehnenden Raums verlieren. Sie befinden sich in einem Kosmos absoluter Kälte, Dunkelheit, Stille und Zeitlosigkeit und werden sich so weit voneinander entfernt haben, dass selbst dann, wenn aus unerfindlichen Gründen diese ewig dauernde Dehnung des Raums selbst doch zu einem Ende kommen sollte, sie nicht einmal dann wieder zueinander finden würden, wenn sie mit billiardenfacher kosmisch inflationärer Geschwindigkeit aufeinander zurasen würden (was schon deshalb unmöglich ist, weil sie sich dann im Raum bewegen würden – und da gilt ja die Lichtgeschwindigkeitsbegrenzung).

 

Dass es angesichts dieses horror vacui zu einer tiefen, demütigen Sehnsucht des Menschen nach einer (be)greifbaren personalen Instanz kommt, die uns vor diesem Schreckensszenario bewahrt, ist nur allzu verständlich. Aber nach physikalischem Ermessen gänzlich aussichtslos. Finis temporis.

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